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Der erfolgreiche (Quer-)Einstieg ins Übersetzungsbüro

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Interview mit Marnie Christensen, Übersetzerin bei Peschel Communications GmbH

Woher kommst du und wie bist du Übersetzerin geworden?

Ich bin in New Glarus, einer Gemeinde im US-amerikanischen Wisconsin aufgewachsen, südlich der Hauptstadt Madison. New Glarus wurde nach der Schweizer Gemeinde Glarus benannt und ist auch als „Amerikas kleine Schweiz“ bekannt. New Glarus ist sehr stolz auf seine Herkunft. Durch die vielen Feste, die dort gefeiert werden, war ich schon als Kind von der (Schweizer-)deutschen Sprache umgeben. Mit sieben habe ich dank meiner Mutter angefangen, Deutsch zu lernen. Sie ist ehemalige Deutschlehrerin und hat Deutschkurse für mich und meine Klassenkameraden nach der Schule angeboten. Mein Interesse für Sprache und Kultur wurde also schon früh geweckt.

Übersetzen als Beruf wurde am College nicht thematisiert, weswegen ich auch nie auf die Idee kam, es direkt zu studieren. Ich strebte also eine akademische Karriere an und entschied mich für ein Germanistikstudium, um weiterhin mit Sprachen zu arbeiten.

Im Rahmen meines Masterstudiums absolvierte ich ein Auslandsjahr in Berlin. Als ich dort war, hatte ich durch Zufall die Gelegenheit, für ein akademisches Zentrum als Übersetzerin zu arbeiten. Ich fand die Arbeit spannend und sah gleich die Möglichkeit, meine Sprachkompetenz sowie die Fähigkeiten, die ich im Studium erlernt hatte, praktisch anzuwenden. Nach meiner Rückkehr in die USA arbeitete ich weiterhin als Übersetzerin und belegte gleichzeitig ein Fernstudium an der New York University, um mehr über die Branche, die verschiedenen Übersetzungstools und auch Gebiete wie Recht, Wirtschaft und Technik zu lernen. Mit meiner Einstellung bei Peschel Communications vor zwei Jahren habe ich den Sprung ins Vollzeit-Übersetzen gewagt und kurz danach auch die Staatliche Prüfung als Übersetzerin erfolgreich abgelegt.

Und wie kamst du zu Peschel Communications?

Als ich nach Freiburg kam, habe ich mich über die Übersetzungsbranche vor Ort informiert. Dabei bin ich auf die Website von Peschel Communications gestoßen. Die Möglichkeit, in einem Team zu arbeiten und von erfahrenen Übersetzern zu lernen, hat mich gereizt. Dazu kam, dass ich mich mit dem Leitbild, dem Qualitätsanspruch und dem Fokus auf der engen Zusammenarbeit mit den Kunden identifizieren konnte. Kurz gesagt, ich sah hier die Möglichkeit mich als Übersetzerin weiterzuentwickeln. Ich habe das Büro im Auge behalten und als eine Stelle für Englisch frei wurde, habe ich mich beworben.

Was gefällt dir an deiner Arbeit besonders gut?

Ich finde es toll, jeden Tag in Sprache eintauchen zu können. Ich habe Spaß daran zu formulieren und mir zu überlegen, wie ich eine Botschaft am besten ins Englische bringen kann. Dazu kommt, dass wir bei Peschel Communications mit vielen spannenden und auch unterschiedlichen Themen zu tun haben. Ein Arbeitstag kann zum Beispiel so aussehen: Am Morgen lasse ich bei einer Werbebroschüre meiner Kreativität freien Lauf, danach folgt ein Rechtstext – da ist wiederum Präzision gefragt. Und zum Schluss tauche ich noch in die Welt der erneuerbaren Energien ein. Bei einer so abwechslungsreichen Arbeit wird es einem nie langweilig.

Welche Sprachen sprichst du und würdest du gerne noch eine weitere Sprache lernen? Wenn ja, welche?

Zusätzlich zu Englisch und Deutsch habe ich an der Uni auch ein bisschen Russisch gelernt, aber das ist leider etwas länger her. Ich würde gerne noch viele Sprachen lernen. Durch die geografische Nähe zu Frankreich steht Französisch momentan ganz oben auf meine Liste.

Wie findest du nach stundenlanger konzentrierter Arbeit deinen Ausgleich?

Da ich meinen Arbeitsalltag vor dem Bildschirm verbringe, gehe ich in meiner Freizeit gerne in die Natur – meistens wandern oder Fahrrad fahren. Ich koche auch sehr gerne und spiele ein bisschen Klavier.

Wann bist du mit einer Übersetzung zufrieden?

Eine gute Übersetzung muss nicht nur den Inhalt des Texts wiedergeben, sondern auch wirken, als ob sie in der Zielsprache geschrieben wurde. Wenn ich übersetze, schaue ich natürlich, dass alle Inhalte richtig und fachgerecht übertragen werden. Mir ist aber genauso wichtig, dass die Übersetzung klar formuliert ist und stilistisch passt. Denn wenn der Leser über nicht gängige Formulierungen stolpert oder sich durch verschachtelte Sätze kämpfen muss, um die Übersetzung zu verstehen, geht die Wirkung des Ausgangstexts verloren. Ich arbeite an einer Übersetzung, bis ich das Gefühl habe, dass alles stimmt und ich den Text auch selber gerne lesen würde. Letztendlich ist Stil aber auch etwas Subjektives. Deshalb bin ich erst richtig zufrieden, wenn ich weiß, dass es der Kunde auch ist.

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Welche Rolle spielt der Kontext bei einer Übersetzung?

Es wird vermutlich nicht überraschen, dass man für Fachleute anders als für Laien schreibt und dass ein Marketingtext anders formuliert wird als ein Vertrag. Auch haben viele Wörter je nach Kontext verschiedene Bedeutungen und müssen entsprechend anders übersetzt werden. Wenn mit „Absatz“ ein Textabschnitt gemeint ist, sagt man auf Englisch „paragraph“. Im wirtschaftlichen Kontext heißt es hingegen „sales“. Und sollte ein Absatz in einem Text über Mode vorkommen, ist vermutlich „heel“ gemeint.
Eine Kollegin hat mir neulich einen Witz erzählt: Wie viele Übersetzer braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln? – Es kommt auf den Kontext an. Soll heißen: der Kontext ist wahnsinnig wichtig. Oft kann man ihn sich aus dem Text erschließen, aber manchmal reicht das nicht aus. Ein Beispiel, das bei mir in letzter Zeit häufiger vorkam, ist ein Schreiben mit Anhang. Auf Deutsch kann man einfach sagen, weitere Informationen finden Sie in der angehängten Broschüre. Auf Englisch macht es aber etwas aus, ob dieses Schreiben per Post (the enclosed brochure) oder per E-Mail (the attached brochure) gesendet wird.

PC oder Rotstift, was würdest du wählen, wenn du könntest?

Vor einiger Zeit wurde ich gebeten, für einen Kunden ein Lektorat auf Papier mit Rotstift anzufertigen. Zuerst war es für mich etwas ungewohnt, aber es hat mir dann doch gut gefallen. Es war schön, mal vom Bildschirm wegzukommen, und schließlich nimmt man einen Text auf Papier auch anders wahr. Auch wenn ich gerne mal zur Abwechslung mit Rotstift arbeiten würde, ist der Job inzwischen ohne Computer undenkbar. Von Wörterbüchern zu Fachartikeln bis hin zu den Websites unserer Kunden geschieht unsere Recherchearbeit fast ausschließlich online. Darüber hinaus arbeiten wir mit einem Übersetzungstool, das unsere Übersetzungen abspeichert und in das wir auch Terminologie eintragen. Dort können wir zum Beispiel festhalten, dass „Arbeitsvertrag“ bei Kunde X als „employment agreement“ (und nicht „employment contract“) übersetzt wird oder dass bei Kunde Y Geschäftsführer auf Englisch „Managing Director“ und nicht „CEO“ heißt. Und sollte der gleiche (oder auch ein ähnlicher) Satz wieder vorkommen, sehen wir, wie er das erste Mal übersetzt wurde. Das spart uns viel Zeit bei der Recherche und hat für den Kunden den großen Vorteil, dass seine Terminologie auch über mehrere Texte hinweg und mit verschiedenen Übersetzern einheitlich angewendet wird.

Wie wichtig ist der Kontakt zu Kollegen?

Mit Kollegen zusammen zu arbeiten ist der große Vorteil der Arbeit in einem Büro. Wenn ich bei einem kniffligen deutschen Text sicher gehen möchte, dass ich alles richtig verstanden habe, kann ich eine meiner deutschen Kolleginnen fragen. Wenn es um Stil oder um den Unterschied zwischen britischem und amerikanischem Englisch geht, kann ich das mit der britischen Muttersprachlerin im Büro besprechen. Oder wenn besondere Kreativität gefragt ist, können wir uns zusammensetzen und etwas Brainstorming machen. Dadurch entsteht oft ein besserer Text als wenn ich alleine arbeiten würde.

Warum ist das 4-Augen-Prinzip so wichtig?

Wer mal einen Text verfasst hat, weiß, wie fehlerbehaftet Sprache ist. Egal, wie viel Mühe man sich gibt: Tippfehler oder sonstige Flüchtigkeitsfehler passieren erschreckend einfach und schnell. Es ist auch möglich, dass man bei der Übersetzung etwas übersieht oder falsch versteht. Das zweite paar Augen, also die Revision durch eine zweite Übersetzerin, dient zur Qualitätskontrolle, damit solche Fehler möglichst vermieden werden.

Hat ein Übersetzer auch direkten Kontakt zum Kunden oder brütet er still über seinen Texten?

Eine ruhige Arbeitsumgebung während der Übersetzung und die nötige Konzentration sind wichtig, allerdings kann ich Geräusche relativ gut ausblenden. Unser Büro ist so aufgestellt, dass der Kontakt zum Kunden meist über die Projektmanagerinnen läuft. Oft umfasst ein Projekt mehrere Sprachen, sodass auch mehrere Übersetzer daran beteiligt sind. Fragen der Übersetzer werden von den Projektmanagerinnen zuerst gesammelt und dann an den Kunden weitergeleitet werden. Anschließend werden die Antworten an alle beteiligten Übersetzer zurückgespielt. Somit hat der Kunde immer den gleichen Ansprechpartner und wird nicht von mehreren Übersetzern kontaktiert. Und umgekehrt, wenn der Kunde zu einer Übersetzung Rückfragen hat, sammelt der Projektmanager erst einmal alle Informationen, um sie an den zuständigen Übersetzer weiterzuleiten. So hat der Übersetzer (der womöglich zum Zeitpunkt der Nachfrage tief in einer anderen Übersetzung drin ist) Zeit, sich wieder in den Auftrag des Kunden einzufinden, um dann entsprechend zu antworten. Oft läuft das alles per E-Mail ab, aber gelegentlich ist ein Telefonat mit dem Kunden zielführender.

Ist ein geisteswissenschaftliches Studium ein guter Ausgangspunkt für die Tätigkeit als Übersetzerin?

Meiner Meinung nach bringt ein Germanistikstudium für das Übersetzen durchaus Vorteile mit sich. Durch mein Studium habe ich mein Deutsch auf ein hohes Niveau gebracht. Dabei habe ich auch gelernt, Texte sehr genau zu lesen und auf Dinge wie Wortwahl, Stil und sprachliche Register zu achten. Die Recherchefähigkeiten, die ich im Studium erworben habe, helfen mir, zuverlässige Quellen zu identifizieren und mich schnell in neue Gebiete einzuarbeiten. Auch wurde während meines Studiums viel Wert auf das Schreiben an sich gelegt. Ich habe dadurch gelernt, schön und klar zu formulieren – ein wirklich wichtiger Aspekt, der vielleicht manchmal unterschätzt wird.

Ist die Skepsis gegenüber Quereinsteigern berechtigt? Bzw. hast du das Gefühl, dass du als Quereinsteigerin mehr leisten musstest, um von Kunden und auch Kollegen, die Übersetzen studiert haben, ernst genommen zu werden?

Da die Berufsbezeichnung „Übersetzer“ nicht gesetzlich geschützt ist, kann theoretisch jeder als Übersetzer arbeiten. Aber nur weil man mehrere Sprachen beherrscht, ist man noch lange kein Übersetzer. Ein Übersetzer muss sich nicht nur in beiden Sprachen bestens auskennen und sowohl einen großen Wortschatz haben als auch grammatikalisch fehlerfrei arbeiten. Er muss auch ein Verständnis der zu übersetzenden Materie besitzen und sich auf dem Niveau eines Autors oder Redakteurs ausdrücken können.

Leider gibt es viele Quereinsteiger, die diese fundierten Kenntnisse und Fähigkeiten nicht haben und deshalb auch keine guten Übersetzungen abliefern. Deswegen sind studierte Übersetzer – zu Recht – oft skeptisch Quereinsteigern gegenüber. Wenn man als Quereinsteiger ernst genommen werden möchte, muss man beweisen können, dass man sich in der Branche und in spezifischen Fachgebieten auskennt und tatsächlich gut übersetzen kann. Dazu helfen Kurse und natürlich praktische Erfahrung. Eine Spezialisierung auf ein oder mehrere Fachgebiete und die Staatliche Prüfung als Übersetzer sind außerdem sehr zu empfehlen.

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