+49 761 380 969 0

Blog

Was machst du eigentlich – oder: Was ist am Übersetzen die Herausforderung?

von Ellen Göppl

Mal ehrlich: Englisch kann doch sowieso fast jeder, immer mehr Studierende verbringen mindestens ein Semester im Ausland und schon Kleinkinder lernen Fremdsprachen – wofür in aller Welt braucht man da noch professionelle Übersetzer? Die Antwort ist einfach: Um Sinn von Unsinn zu unterscheiden.

Kunden genauso wie Freunde oder Bekannte haben oft eine eher vage Idee davon, was ein Übersetzer den ganzen Tag so macht. Die Vorstellung reicht von der hauptsächlichen Beschäftigung mit Google Translate über vollkommen gedankenloses Wort-für-Wort-Übertragen („Sie müssen das nicht verstehen, Sie müssen das ja nur übersetzen!“) bis hin zu einem Übersetzerhirn, das komplett mit sämtlichen Fachvokabeln dieser Welt vollgestopft ist.

Nichts davon stimmt. Wir arbeiten nicht mit Google Translate. Und mit „nicht“ meine ich in diesem Fall wirklich: NIE. Natürlich wäre es schön, ein ganzes Dokument einfach durch Google zu schicken, eventuell hinterher ein paar Korrekturen vorzunehmen und dafür gutes Geld zu kassieren. Die Wahrheit ist jedoch, dass selbst bei relativ einfach anmutenden Botschaften oft genug ungelenkes Kauderwelsch herauskommt. Für alle, die sich noch nie den Spaß gegönnt haben – ein schönes Beispiel dafür ist die Kundenansprache auf der englischen Version unserer eigenen Website: „Translation is much more than simply putting words into another language. This is why we always start by establishing your requirements and expectations.” Klingt nicht sooo kompliziert, oder? Keine Wortspiele, keine Fachausdrücke. Trotzdem würden sich unsere Kunden vermutlich dankend abwinken, wenn sie auf unserer deutschen Website Folgendes lesen würden:

„Übersetzen ist viel mehr als nur das Worte in eine andere Sprache . Deshalb haben wir durch die Gründung Ihrer Anforderungen und Erwartungen beginnen immer .“

Warum hier vor den Punkt jedes Mal ein Leerzeichen eingefügt wurde, ist besonders seltsam, drückt aber vielleicht einfach aus, dass das Programm tatsächlich über ein gewisse Intelligenz verfügt und gemerkt hat, dass die Sätze nicht ganz vollständig sind. Nun stelle man sich vor, man würde einen zum Beispiel 30-seitigen Text in dieser Qualität überarbeiten müssen. Nein danke – den habe ich wesentlich schneller selbst übersetzt, denn die Korrektur einer schlechten Übersetzung kann mehr Zeit in Anspruch nehmen, als eine Neuübersetzung. (Das gilt leider übrigens auch für schlechte sogenannte Human-Übersetzungen, d. h. Übersetzungen, die von Menschen erstellt wurden.)

Soviel also dazu, was das sogenannte maschinelle Übersetzen bietet – was aber machen wir als menschliche, im Normalfall akademisch ausgebildete Fachübersetzer? Als Profi arbeitet man heute in der Regel mit einem Translation Memory Tool. Ein solches Software-Tool übersetzt nicht von alleine, zeigt mir jedoch an, falls und wie ich denselben oder einen ähnlichen Satz in der Vergangenheit bereits übersetzt habe. Das erleichtert mir einerseits die Arbeit und bietet andererseits dem Kunden größtmögliche Konsistenz. Dies gilt auch für die Terminologie (so nennen wir Fachvokabeln), die ich in das Memory Tool eingespeist habe (was ich leider selbst tun muss – auch das nimmt mir das Programm nicht ab, sondern kann es mir nur erleichtern). Denken muss ich dabei schon selbst. Damit komme ich überhaupt zum Thema Fachausdrücke: Natürlich dachte auch ich früher einmal, wenn in einem Text eine unbekannte Vokabel auftaucht, schlage ich sie einfach im Wörterbuch nach und setze sie dann in der gewünschten Sprache ein. Und da das Nachschlagen immer ein bisschen Zeit erfordert, lerne ich diese Vokabeln am besten alle auswendig, wie früher in der Schule. Nur macht man sich als Laie nicht mal ansatzweise eine Vorstellung davon, wie viele Fachtermini man im Fachwörterbuch leider GAR NICHT findet. Was im Zweifelsfall jedoch noch besser ist, als dort eine richtig erscheinende, aber leider im Zielland überhaupt nicht gängige Vokabel zu finden. Natürlich sind Fachwörterbücher je nach Sprache und Fachgebiet sehr nützlich, insbesondere elektronische, bei denen man für die Suche kaum Zeit benötigt, aber wir verbringen weitaus mehr Zeit damit, Begriffe im Internet zu recherchieren. Dabei müssen wir uns mit dem jeweiligen Thema zwangsläufig auch inhaltlich intensiv auseinandersetzen – was uns ein bisschen zu Experten auf allen möglichen Gebieten macht, ohne dass aus uns jemals ein Arzt, ein Jurist oder ein Ingenieur würde. Aber auch wir arbeiten mit größter Sorgfalt und müssen die Zusammenhänge verstehen, über die wir schreiben. Denn natürlich kann ein Satz in der Übersetzung meistens schon allein aus grammatikalischen Gründen nicht genauso geschrieben werden wie in der Ausgangssprache, und nur wenn man den Kontext versteht, kann man einen Satz abwandeln, ohne den Sinn zu verfälschen.

Und ich gebe zu: Auch wenn Google Translate eher der natürliche Feind des Übersetzers ist – wie man jemals ohne Googles Suchmaschine übersetzen konnte, weiß ich nicht. Wir googeln Unmengen an Informationen, Fachwörtern und Redewendungen. Ich habe auf Google die Bilder von Schrauben, Reaktoren und Schiffbauteilen miteinander verglichen, um zu überprüfen, ob meine deutsche Benennung auch wirklich der englischen, französischen oder italienischen entspricht und dasselbe „Ding“ bezeichnet. Dank des dynamischen Web passen sich die Werbebanner auf verschiedenen Websites ja an häufig gesuchte Ausdrücke an. Wenn dort dekorative Kosmetik oder meinetwegen auch Solarbatterien eingeblendet werden, stört mich das nicht groß. Bei der Frage „Haben Sie ein Stoma?“ – nach Bearbeitung eines entsprechenden Texts – fühle ich mich aber doch ein bisschen verkannt.

Natürlich ist es richtig, dass man auch ohne Übersetzerstudium im Wörterbuch nachschlagen, Zusammenhänge auf Google recherchieren und Texte verfassen kann. Ich kann ja auch ohne Maurerausbildung Steine mit Mörtel dazwischen übereinanderschichten. Aber so wie der Maurer seine Materialien, Werkzeuge und Tricks am besten kennt, wissen wir am besten, wo man was am schnellsten recherchiert, wie man die richtige Stilebene findet, was mit dem Kunden im Vorfeld abzuklären ist, wie man das Layout optimiert, das CAT-Tool bedient, sich in neue technische Zusammenhänge einarbeitet oder wann eine zweite Überarbeitung notwendig ist. Und das lohnt sich. Schließlich ist eine gerade Mauer ja auch nicht nur schöner, sondern auch stabiler.

Zurück