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Personenführungsanlagen als Dolmetschausrüstung?

von Anja Peschel

Immer wieder sprechen mich Kunden darauf an, ob eine Personenführungsanlage als Ersatz für eine Dolmetscherkabine geeignet sei.

Personenführungsanlage – Was ist das?

Personenführungsanlagen (PFAs) wurden ursprünglich für Werksführungen oder Museen entwickelt. Sie bestehen aus einem Mikrofon und Empfängern mit Kopfhörern. Der Museumsführer spricht dabei in das Mikrofon, während die Zuhörer sich frei bewegen können und den Redner immer hören, ohne dass dieser mit lautem Geschrei Unbeteiligte stören muss. Der Charme einer solchen Lösung liegt auf der Hand: Nur wer zuhören möchte, muss das, und wer zuhören möchte, hört auch tatsächlich etwas (in der selbst regulierbaren Lautstärke).

Dolmetschen mit Personenführungsanlage

Findige Menschen kamen dann auf die Idee, solche Anlagen bei Veranstaltungen mit Dolmetschern einzusetzen. Bei einer zweisprachigen Werksführung kann das bedeuten, dass die Dolmetscherin sich neben den Redner positioniert und das Gesagte simultan in ein Mikrofon dolmetscht, während die Zuhörer die Verdolmetschung über Empfänger und Kopfhörer empfangen. Der Vorteil dabei ist, dass die Führung zweisprachig stattfinden kann und die Zuhörer sich frei bewegen können. Wenn in der Umgebung allerdings laute Maschinen rattern, wird es für den Dolmetscher zur Herausforderung, den Redner ausreichend gut zu hören, was sich natürlich auch auf die Qualität des Gedolmetschten auswirkt. Die Situation kann durch die Verwendung von zwei Kanälen (einen für Deutsch und einen für Englisch, beispielsweise) verbessert werden. Dabei spricht der Werksführer auf Deutsch in ein Mikrofon, dessen Ton auf, sagen wir Kanal A, gesendet wird. Die Dolmetscherin – und natürlich auch die deutschen Zuhörer – können das Gesprochene über Empfänger und Kopfhörer empfangen und die Lautstärke selbst regulieren. Gleichzeitig übersetzt die Dolmetscherin simultan in ein zweites Mikrofon, von welchem aus das gesprochene Englische aus auf Kanal B gesendet wird. Für mobile Veranstaltungen hat sich diese Methode bewährt, auch wenn die Übersetzung nie die gleiche Qualität haben kann wie beim Einsatz einer Dolmetscherkabine, in der die Dolmetscher von allen akustischen und den meisten visuellen Störungen abgeschirmt sind, ihre Arbeitsmittel (Laptop und Unterlagen) vor sich haben und auch nicht gleichzeitig herumlaufen müssen. In einer Kabine können sie 100% ihrer Konzentration auf die eigentliche Arbeit – das Dolmetschen – verwenden.

Personenführungsanlagen bei Konferenzen?

Jetzt fragen Sie sich vielleicht, ob eine Personenführungsanlage nicht auch in einem Konferenzraum eingesetzt werden kann. Schließlich kann man so die Kosten für teures Equipment sparen. Doch Tatsache ist, dass in einer Tagungsumgebung die Nachteile gegenüber den eingesparten Kosten fast immer überwiegen. Der Output eines Dolmetschers steht immer im direkten Verhältnis zum Input. Das heißt, wenn die Akustik gut ist, es keine Störfaktoren gibt und der Redner klar und verständlich spricht, kann der Dolmetscher seine optimale Leistung bringen. Bei Einsatz einer PFA hört der Dolmetscher meist über den Raum, so dass jedes Husten, Papierrascheln oder geflüsterte Gespräch dazu führen, dass ein Teil der Botschaft den Dolmetscher gar nicht erst erreicht und dann natürlich auch nicht übersetzt werden kann. So werden aus 50 Millionen Gewinn schnell mal 15 Millionen.

Ein weiterer Nachteil beim Einsatz einer PFA für das Dolmetschen bei einer Tagung ist, dass auch die Stimme der Dolmetscher nicht durch eine Kabine abgeschirmt wird, um nur diejenigen über Kopfhörer zu erreichen, die sie wirklich hören wollen. So wird die gesamte Umgebung beeinträchtigt – viele Konferenzteilnehmer empfinden das konstante Gemurmel oder Geflüster als sehr störend.

Simultandolmetscher, die mit einer PFA arbeiten, flüstern oft oder sprechen sehr leise, um eben eine solche Störung der Umgebung so gering wie möglich zu halten. In diesem Fall sind wiederum die Empfänger der Übersetzung die Leidtragenden, denn mit leiser Stimme oder gar geflüstert lässt sich weniger modulieren – das Gesagte klingt monoton und ist schwieriger zu verstehen.

Nicht zuletzt stellt Flüstern über einen längeren Zeitraum hinweg eine starke Belastung für die Stimmbänder dar.

Fazit: Personenführungsanlagen können in manchen Dolmetschsituationen ein geeignetes Werkzeug sein, als Ersatz für eine Dolmetscherkabine sind sie aber nicht zu empfehlen. Unter Umständen sind die Kosten, die durch eine nicht vollständig übermittelte Botschaft oder unzufriedene Tagungsteilnehmer verursacht werden höher als die Kosten für eine Dolmetscherkabine.

Falls Sie eine Veranstaltung planen und unsicher sind, welche Art der Technik die geeignetste ist, sprechen Sie uns gerne an!

 

Vorteile beim Einsatz von Personenführungsanlagen

  • Bei Führungen können sich die Zuhörer frei bewegen
  • Die gesamte Gruppe ist mobil, was bei Veranstaltungen mit kleinen, häufig wechselnden Arbeitsgruppen vorteilhaft sein kann
  • Sie bietet eine Möglichkeit, Simultandolmetscher einzusetzen, auch wenn kein Platz für eine Kabine ist und auch eine Auslagerung der Dolmetscher mit Verbindung über Monitor nicht möglich ist
  • Personenführungsanlagen sind deutlich günstiger als Dolmetscherkabinen

Nachteile beim Einsatz von Personenführungsanlagen

  • Da die Dolmetscher nicht optimal hören, kann ein Teil der Botschaft verloren gehen
  • Die Teilnehmer in der Umgebung der Dolmetscher, die keine Übersetzung brauchen, werden gestört
  • Da die Dolmetscher gezwungen sind zu flüstern oder sehr leise zu sprechen, ist die Sprechweise für die Zuhörer weniger angenehm
  • Diese Arbeitsweise ist für Dolmetscher extrem anstrengend. Deshalb sind die Tageshonorare meist höher als für die Arbeit in einer Kabine
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