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Aus dem Leben einer Projektmanagerin im Übersetzungsunternehmen

Unkelbach-AndreaInterview mit Andrea Unkelbach, leitender Projektmanagerin beim Übersetzungsbüro Peschel

Du arbeitest seit 12 Jahren als angestellte Projektmanagerin beim Übersetzungsbüro Peschel. Wie bist Du zu dieser Rolle gekommen?

Im Grunde war das eine Sache von Angebot und Nachfrage. Ich hatte mich eigentlich als Übersetzungspraktikantin beworben, weil es mir direkt nach dem Abschluss genauso ging wie (fast?!) allen Absolventen: Ich hatte keine Ahnung vom Berufsalltag eines Übersetzers. Ich stand mit meinem Diplom in der Hand da und wusste nicht wirklich etwas damit anzufangen. Also beschloss ich, mir den Job erst einmal anzuschauen – mit all seinen Facetten: Angebotserstellung, Projektmanagement, Übersetzen, Qualitätskontrolle, Rechnungsstellung, Marketing, etc.

Ich fing also als Praktikantin beim Übersetzungsbüro Peschel an. Damals hatte das Unternehmen nur zwei feste Mitarbeiterinnen: Anja Peschel und Ellen Göppl. Es stellte sich schnell heraus, dass mir das Projektmanagement fast mehr Spaß machte und auch mehr lag als das Übersetzen. Und es war das, was Anja und Ellen damals brauchten. So habe ich immer weniger übersetzt und mehr und mehr organisiert, bis ich dann irgendwann überhaupt nicht mehr übersetzt und mich komplett um das Projektmanagement gekümmert habe.

Wie hast Du Dich für das Projektmanagement qualifiziert?

Eigentlich war es am Anfang learning by doing, eine Art Ausbildung im Anschluss ans Studium. Ich habe enorm viel von Anja und Ellen gelernt, die ja schon viel mehr Erfahrung hatten als ich, habe deren Vorgehensweise übernommen. Im Laufe der Zeit und mit wachsendem Auftragsvolumen haben wir unsere Prozesse dann immer weiterentwickelt.

In letzter Zeit kann man beobachten, dass die Branche das Berufsbild „Projektmanager im Übersetzungsbüro“ als solches akzeptiert und mittlerweile auch Fortbildungen anbietet. Anfänglich kam ich mir ein wenig wie ein Exot vor; irgendwie schien es niemanden zu geben, der das machte, was ich machte. Alle angebotenen Fortbildungen waren übersetzungsspezifisch, sie richteten sich eher an freiberufliche Übersetzer, die – notgedrungen – eben auch ihre Projekte verwalten müssen. Mittlerweile ist es aber so, dass wir Projektmanager keine so außergewöhnliche Spezies mehr sind. Es gibt immer mehr von uns und so vergrößert sich auch die Auswahl an Weiterbildungen. Ich habe das große Glück, dass Anja Peschel ihren Mitarbeiterinnen Weiterbildungen gerne ermöglicht, so dass ich an den gängigen Seminaren und Konferenzen teilnehmen kann. Letztes Jahr war ich zum Beispiel in Barcelona bei „Elia’s focus on project management“.

Du hast einen Abschluss als Diplom-Übersetzerin für Englisch und Spanisch. Fehlt Dir das Übersetzen selbst?

Nein, überhaupt nicht. Als Abiturientin dachte ich, ich würde gerne mit Sprachen arbeiten und sah meine einzige Möglichkeit, das zu tun, im Übersetzen. Während meiner Zeit beim Übersetzungsbüro Peschel konnte ich aber feststellen, dass ich die Kommunikation, den Kundenkontakt und das Organisieren und Planen viel lieber (und besser) mache. Und mit Sprachen habe ich ja immer noch zu tun – wenn auch anders als ursprünglich gedacht.

Was macht Dir an Deinem Job besonders viel Spaß?

Mein Job ist unglaublich kommunikativ. Sei es per Telefon, E-Mail oder auch persönlich: Der Kontakt zu Kunden und Kollegen ist mir sehr wichtig. Ich könnte nicht den ganzen Tag alleine vor meinem Bildschirm sitzen und an einem Text arbeiten. Und auch wenn wir Projektmanager die Texte bei weitem nicht so intensiv kennenlernen wie die Übersetzer, kriegen wir doch genug von der unglaublichen Vielfalt und Abwechslung mit. Das Standard-Übersetzungsprojekt gibt es nicht. Außerdem ist es auch toll, so lange an Projekten, Timelines etc. herumzutüfteln, bis alles passt. Kein Projekt ist wie das andere und es gibt nicht befriedigenderes als wenn ein Plan funktioniert.

Und was nervt Dich manchmal?

Wenn ein Plan nicht so aufgeht, wie ich mir das überlegt habe. Wir Projektmanager schauen uns die zu übersetzenden Texte natürlich an, bevor wir an die Planung des Projekts gehen, aber wir können das aus Zeitgründen nicht so genau machen, wie die Übersetzer, die dann letztendlich mit dem Text arbeiten. So kommt es immer mal wieder vor, dass eine Übersetzung rechercheintensiver ist, als wir gedacht und eingeplant hatten. Dann heißt es umplanen, bzw. den Plan anpassen.

Ein anderer Punkt, der manchmal auch nervt, ist, dass wir als Projektmanager – vielleicht noch mehr als die Übersetzer – wirtschaftlich denken müssen. Wir müssen immer das Budget und die Deadline eines Projekts im Auge behalten. Ganz selten kommt es vor, dass ein Kunde sagt: „Die Kosten spielen keine Rolle und Sie brauchen eben so lange wie es dauert“. Dann können wir uns richtig austoben, uns den Luxus erlauben, die für das jeweilige Projekt perfekten Übersetzer einzusetzen, weil wir darauf warten können bis sie Zeit haben unser Projekt einzuschieben. Das ist dann wie eine kleine Belohnung.

Was ist für Dich die größte Herausforderung in Deiner täglichen Arbeit?

Die größte Herausforderung ist sicherlich die zwangsläufig notwendige Spontanität, sich immer wieder auf andere, geänderte Bedingungen einlassen. Man weiß nie genau, was einen erwartet, wenn man morgens ins Büro kommt, was passieren wird. Und auch ein perfekt geplantes Projekt läuft nur so lange gut, wie sich alle an den Plan halten. Wenn ein Rad in der Kette hängt, heißt es umplanen, und das manchmal ziemlich spontan – denn bereits versprochene Deadlines verschieben ist keine Option. Aber das ist gleichzeitig auch das Interessante an diesem Job. Es gehört einfach dazu, sonst wäre es ja langweilig!

Was würdest Du Absolventen oder Studierenden raten, die sich auf eine Rolle als Projektmanager im Übersetzungsunternehmen vorbereiten wollen?

Als Projektmanager profitiert man sehr von einer Ausbildung als Übersetzer. Grundsätzlich würde ich jedem, der mit dem Gedanken spielt, als Projektmanager für Übersetzungen zu arbeiten, zu einem Übersetzerstudium raten. Die Theorie bildet die Grundlage. Man wird sensibilisiert für die manchmal nicht ganz so offensichtlichen Tücken und möglichen Schwierigkeiten bei einem Projekt, einfach weil man die anderen Phasen des Projekts auch kennt. Mittlerweile gibt es auch praxisorientiertere Hochschulen, an denen neben der Theorie auch Dinge gelehrt werden, die für das Projektmanagement wichtig sind: Angebotserstellung, Projektplanung, der Umgang mit Kunden, Rechnungserstellung und einen Überblick über die technischen Hilfsmittel.

Und dann gibt es ja wie gesagt auch ein immer größer werdendes Angebot an Fortbildungen für Projektmanager im Übersetzungsbüro, da sind auch einige für Anfänger dabei. Auf solchen Fortbildungen trifft man häufig auch Kollegen, die schon länger als Projektmanager arbeiten, die haben oft sehr hilfreiche Tipps.

Und zu guter Letzt lernt man in der Praxis wahrscheinlich immer noch am meisten. Das Übersetzungsbüro Peschel bietet immer Praktika an. Und wir legen großen Wert darauf, dass unsere Praktikanten die gesamten Abläufe kennenlernen. Dazu gehört auch das Projektmanagement. Die einen interessiert es mehr, weil sie den Bereich noch gar nicht kannten, aber spannend finden, die anderen sehen es als „nötiges Übel“, weil sie bereits wissen, dass sie als freiberufliche Übersetzer arbeiten möchten. Auf jeden Fall wissen sie dann, worum es geht.

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